„Nach kurzer Zeit fühlte ich mich gesünder und glücklicher“ – GANDALF ARCHER MILLS über seinen Alkoholverzicht

Neugierig, wie ein Leben ohne Alkohol ist? Zum Start ins neue Jahr wollen Millionen von Menschen im „Dry January“ einen Monat auf Alkohol verzichten. Gandalf Archer Mills, Programm Direktor für BODYJAM, hatte eine durchwachsene Beziehung zu Alkohol und verzichtet seit fast zwei Jahren vollständig darauf. Wir haben ihn nach seinen Erfahrungen gefragt.

SARAH SHORTT:

Hi Gandalf! Seit zwei Jahren trinkst du keinen Alkohol mehr. Wie kam es dazu?

GANDALF ARCHER MILLS:

Es ist ein sehr persönliches Thema für mich, deshalb fühlt es sich ehrlich gesagt seltsam an, so offen darüber zu sprechen. Bisher wissen nur meine Familie und mein engster Freundeskreis davon. Aber ich bin stolz darauf, was ich erreicht habe, darum möchte ich von meinen Erfahrungen berichten:

Etwa seit meinem 20. Lebensjahr habe ich regelmäßig Alkohol getrunken. Irgendwann trank ich nicht mehr nur jede Woche, sondern jeden Tag Alkohol.

Ich genehmigte mir einen Drink am Nachmittag oder auch mal fünf Drinks über den Tag verteilt – und das über mehrere Wochen hinweg. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich mich durch den täglichen Alkoholkonsum oft sehr schlecht fühlte.

Letztes Jahr (Anfang 2019) bemerkte ich, dass ich ständig müde war. Ich wachte jeden Tag müde auf und trank vier bis fünf Tassen schwarzen Kaffee. Dadurch fühlte ich mich besser, absolvierte ein Workout und fühlte mich dadurch noch besser. Doch spätestens ab 14 Uhr wurde ich wieder müde.

Eines Tages unterrichtete ich im Ausland und hatte eine Magenverstimmung (nicht aufgrund von Alkohol). Also beschloss ich, ein paar Tage auf Alkohol zu verzichten. Als ich mich besser fühlte, beschloss ich, noch länger abstinent zu bleiben. Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich mich in diesem Moment für immer von Alkohol verabschiedet hatte. Ich dachte, ich würde es einfach mal ausprobieren und sehen, was passiert.

Was war die erste Veränderung, die du durch die Alkoholpause bemerkt hast?

Nach gut zwei Wochen ohne Alkohol begann ich, viel besser zu schlafen. Ich schlief nach fünf Minuten ein und problemlos sieben Stunden durch. Das war ein tolles Gefühl. Mein Schlaf veränderte sich. Ich war es gar nicht mehr gewöhnt, gut zu schlafen. Für mich war es normal, jede Nacht zwischen 1 und 2 Uhr aufzuwachen.

Wie hat sich die Alkoholabstinenz auf deine Gesundheit ausgewirkt?

Nach einem Monat fühlte ich mich deutlich besser und gesünder. So habe ich mich nie gefühlt, als ich noch jeden Tag getrunken habe. Ich merkte, dass es die beste Entscheidung war, die ich treffen konnte. Und deswegen blieb ich dabei.

Ich bemerkte auch, dass ich plötzlich viel schneller abnehmen konnte. Auch nach einer leichten Zunahme – nach einem Urlaub oder Weihnachten – konnte ich leichter zu meinem Ursprungsgewicht zurückkehren.

"Nach gut zwei Wochen ohne Alkohol begann ich, viel besser zu schlafen. Ich schlief nach fünf Minuten ein und problemlos sieben Stunden durch. Das war ein tolles Gefühl."

Wie hast du anderen erklärt, dass du keinen Alkohol mehr trinkst?

Am Anfang habe ich niemandem davon erzählt. Erst nach Monaten erzählte ich meinen engsten Freunden davon. Ich wollte das Thema erstmal für mich behalten und sehen, was passiert. Ich wusste nicht, wo das Ganze mich hinführen würde und ob ich drei Monate, ein halbes oder ein ganzes Jahr durchhalten würde ... Ich merkte nur, dass es mir guttat und dass es mir dadurch leichter fiel dranzubleiben.

Als ich zwei oder drei Monate dabei war, wurde mir klar, wie sehr ich es genoss, nicht mehr zu trinken und wie viele geistige und körperliche Vorteile sich daraus ergaben. Das war der Moment, in dem ich beschloss, auch anderen davon zu erzählen.

Wie waren die Reaktionen?

Viele waren sehr überrascht, als ich ihnen davon erzählte, aber die meisten reagierten sehr positiv und beglückwünschten mich. Ein paar negative Reaktionen bekam ich allerdings auch. Manche dachten, ich würde sie verurteilen. Aber ich habe noch nie jemanden für seinen Lebensstil verurteilt. Ich erklärte ihnen, dass ich diesen Weg für mich gewählt hätte und ein Leben ohne Alkohol ausprobieren wolle.

Wie ist es, ohne Alkohol auszugehen?

Beim Ausgehen, und je später der Abend wird, muss die Musik schon besonders gut sein, damit ich mich wirklich amüsieren kann. Aber mit Diana habe ich meistens großen Spaß – sie ist eine echte Stimmungskanone. Ich schätze, wenn man mit jemandem unterwegs ist, mit dem man gerne Zeit verbringt, dann fällt der Verzicht auf Alkohol leichter.

Ich liebe es, morgens aufzuwachen und mich fit zu fühlen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie oft ich verkatert aufgewacht bin – darauf kann ich wirklich verzichten. Als ich jünger war, empfand ich das noch nicht so – oder ich steckte den Alkohol einfach besser weg. Aber mit zunehmendem Alter fragte ich mich immer öfter, warum ich mir das eigentlich antat.

2020... Was für ein Jahr, oder? Es war für mich und viele mir nahestehende Menschen eine gute Gelegenheit, um Verhaltensweisen und Muster zu hinterfragen, über die wir sonst nicht nachdenken – wir tun das, was wir immer getan haben. Wenn ich jetzt zu einer Party oder Veranstaltung eingeladen bin und nicht hingehen möchte, dann gehe ich auch nicht hin. Wenn du trinken musst, um dich bei einer Party zu amüsieren, dann ist die Party vielleicht nicht das Richtige für dich.

"Manche dachten, ich würde sie verurteilen. Aber ich habe noch nie jemanden für seinen Lebensstil verurteilt. Ich sagte ihnen, dass ich diesen Weg für mich gewählt hätte und ein Leben ohne Alkohol ausprobieren wolle."

Was trinkst du anstelle von Alkohol? Hast du alkoholfreie Alternativen gefunden?

Anfangs fiel es mir schwer, schmackhafte Alternativen zu finden, wenn ich Lust auf ein kühles Getränk hatte. Es gibt, meiner Meinung nach, kaum alkoholfreie Getränke auf dem Markt, die wirklich gut schmecken – obwohl das Angebot langsam besser wird.

Lange trank ich einfach Mineralwasser mit Eis und Limette. Das kommt einem alkoholischen Getränk relativ nahe.

In letzter Zeit bin ich süchtig nach Redeem, einem Kefir-Getränk, das man bei uns in Neuseeland bekommt. Ich trinke eindeutig zu viel davon, aber meiner Gesundheit schadet es sicher nicht. Außerdem mag ich Kombucha und Tee. In Restaurants gibt es in der Regel auch eine gute Auswahl an alkoholfreien Cocktails.

Viele sind der Meinung, dass Alkohol eine entspannende Wirkung hat. Was tust du, um dich zu entspannen?

Viele denken, dass sie Alkohol brauchen, um runterzukommen – so ging es mir auch.

Das erste, was ich gelernt habe, war, dass ich mich nach einer „Zustandsänderung“ sehnte. Und ich habe andere Wege gefunden, um dies zu erreichen.

Ich fand heraus, dass mir eine ruhige Umgebung guttut. Am liebsten bin ich in der Natur. Wenn ich auf Reisen bin (Wow, erinnert ihr euch noch ans Reisen?!?), gehe ich einfach spazieren oder fahre Fahrrad. Ich suche mir schöne Orte – und schalte mein Handy stumm! Und ich meditiere. Ich würde mich nicht als besonders geübt bezeichnen, aber ich habe die Basics drauf. Meditation hilft mir sehr, abzuschalten.

Außerdem habe ich einen fordernden Job und vier Kinder, weshalb es bei mir zu Hause meistens ziemlich laut ist. Sobald Ruhe einkehrt, kann ich sehr schnell in einen entspannten Zustand wechseln. Gestern Abend, als alle Kinder im Bett waren, ging ich nach unten, saß einfach da und schaute in den Garten unseres Hauses. Es war warm und regnete und es war einfach göttlich. Ich saß einfach da und ließ meine Gedanken schweifen. Dabei kann ich mich am besten entspannen.

Würdest du dich als eher introvertiert bezeichnen?

Auf jeden Fall. Ich fühle mich sehr wohl mit mir selbst, ganz ohne Eindrücke von außen. Viele überrascht das – wahrscheinlich aufgrund meines Berufs. Ich reise gerne und mag es, neue Menschen kennenzulernen. Die Events und das Unterrichten auf riesigen Bühnen sind für mich das Größte. Danach bin ich aber gern allein. Oder ich nutze die Zeit, um die Gegend zu erkunden.

Ich bin wirklich froh, dass ich nicht mehr abhängig vom Alkohol bin und einen Lebensstil pflege, bei dem ich mir aussuchen kann, wann ich trinke und die volle Kontrolle habe.

Würdest du wieder Alkohol trinken?

Vor einem halben Jahr war mein 40. Geburtstag und es gab eine große Party. Die Feier war schön, wir haben getanzt und gelacht, aber wenn ich ganz ehrlich bin, konnte ich den Abend nicht so richtig genießen.

Zum Teil lag es daran, dass ich mich um die gesamte Organisation gekümmert habe – Logistik,Transport der Gäste, etc.

Der andere Grund war, dass ich Alkohol trank. Als alle Gäste da waren, holte ich eine Flasche Whiskey hervor und genehmigte mir ein paar Gläser. Da ich schon sehr lange nicht mehr getrunken hatte, war ich wirklich froh, keinen Alkohol mehr zu brauchen. Also trank ich ein paar Whiskey und Tequila, was im ersten Moment auch lustig war. Nach etwa zwei Stunden hatte ich aber das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Die Kontrolle über mich selbst und meine Umgebung zu haben ist etwas, was ich am meisten an der Abstinenz sehr schätze.

Seitdem habe ich auch ein paar Mal Rotwein getrunken, einfach weil es ein besonders guter Tropfen war, den ich genießen wollte. Im Endeffekt bin ich aber wirklich froh, dass ich nicht mehr abhängig vom Alkohol bin und einen Lebensstil pflege, bei dem ich mir aussuchen kann, wann ich trinke und die volle Kontrolle habe.

Aber selbst die geringe Menge an Alkohol, die ich im letzten halben Jahr konsumiert habe, hat mir eigentlich nicht viel gegeben. Alkohol ist einfach nicht mehr mein Ding.

Fiel es dir schwer, aufzuhören?

Ehrlich gesagt nicht. Ich fühlte mich nach kürzester Zeit so viel besser, dass es mir leichtfiel, auch weiterhin zu verzichten.

Ich bin in einem Vorort von Auckland aufgewachsen. In meiner Familie und in meinem Freundeskreis gab es diverse Fälle von Alkohol- und Drogenmissbrauch. Ich war regelrecht davon umgeben. Ich habe miterlebt, wie sich Drogenmissbrauch langfristig auf das Leben von Menschen auswirken kann.

Ich denke, ich kann mich glücklich schätzen, dass es mir nicht allzu schwerfiel, mein Leben zu verändern. Ich weiß, dass es für manche Menschen eine riesige Sache ist, ihre Sucht aufzugeben. Es kann Jahre dauern, es kann ein andauernder Kampf sein, und ich habe wahnsinnigen Respekt vor jedem, der das durchmacht – denn süchtig sein ist sch***. Das sollte öffentlich noch viel mehr thematisiert werden. Ich konnte es noch nie leiden, wie Politiker ganze Teile der Gesellschaft aufgrund ihrer Sucht als nutzlos abschreiben – egal ob es sich um Alkohol, Glücksspiel oder Drogen handelt. Ich weiß, dass es die Umgebung ist, in der Menschen aufwachsen, die sie zu diesen Entscheidungen führt.

Welchen Rat hast du für Menschen, die, z. B. im Rahmen des „Dry January“, auf Alkohol verzichten wollen?

Es gibt sicher eine Menge Leute, die das Gefühl haben, dass ihnen ein Monat ohne Alkohol guttäte. Wenn ihr so empfindet, wie wäre es dann, gleich das ganze Jahr auf Alkohol zu verzichten?

Bei mir hat es glücklicherweise funktioniert. Allerdings reagiert jeder anders auf Drogen oder Genussmittel. Ich reagierte auf eine bestimmte Art und Weise auf Alkohol und beschloss irgendwann, ihn aus meinem Leben zu verbannen und zu sehen, was passieren würde. Mit zunehmendem Alter hat sich meine Wahrnehmung vieler gesundheitsbezogener Themen verändert und weiterentwickelt. Letztendlich wurde mir bewusst, dass ich so nicht weitermachen wollte. Ich wollte Alkohol nicht mehr so präsent in meinem Leben haben. Dass ich mich so viel besser fühlte war der einzige Beweis den ich braucht, um zu wissen, dass es die richtige Entscheidung war.

Mittlerweile komme ich sehr gut mit mir selbst zurecht. Ich mag mich so, wie ich bin. Und ich schätze es, dass ich mich nicht mehr betäuben muss. Ich fühle mich gut und bin gern mit mir allein. Ich liebe es, mich nicht abgestumpft oder vernebelt zu fühlen und in einem ständigen Dämmerzustand zu sein. Das Leben, mit dem ich durch den Verzicht auf Alkohol belohnt wurde, ist meinem vorherigen Leben weit überlegen – als ich das Gefühl hatte, Alkohol zu brauchen, um mich zu amüsieren, zu entspannen oder um Spaß auf Partys zu haben. Mein Rat an die, die sich überlegen einen Monat auf Alkohol zu verzichten: Hört auf euren Körper und beobachtet euch Tag für Tag. Wie wäre es, wenn ihr euren Alkoholkonsum erstmal nur reduziert? Oder einen Abend pro Woche ohne Alkohol festlegt? Oder euch an „Dry 2021“ versucht? Ihr entscheidet. Es ist euer Leben.