„Schon lange werden in der Fitnessbranche Menschen ausgeschlossen, die nicht die Schönheitsideale oder die gesellschaftlichen Standards erfüllen“

Nichola Smiles ist tagsüber Ingenieurin und nach Feierabend LES MILLS Trainerin. Ab September wird sie als Teil der BODYCOMBAT UNITED Releases auf den Bildschirmen zu sehen sein. Wir haben uns mit Nichola getroffen, um über ihre limitierenden Glaubenssätze zu sprechen, über ihr WARUM und darüber, wie es sich anfühlt, wenn niemand in der Masterclass so aussieht, wie man selbst.

SARAH SHORTT:

Hi Nichola, lass uns mit ein wenig Inspiration starten! Wer sind deine Fitness-Idole?

NICHOLA SMILES:

Na klar! Ich habe 2 Idole: Fredia Wilbert und Terry Mack.

Fredia war diejenige, die mich dazu gebracht hat, Instruktorin zu werden und zu unterrichten. Es war mir heilig, jeden Sonntag ihren Turbo-Kickboxkurs zu besuchen und ich war diese eine schüchterne Teilnehmerin ganz hinten im Raum. Irgendwann besaß ich genug Selbstvertrauen, um einer der Teilnehmer zu werden, der jeden in und auswendig Move kennt. Wir wurden Freunde, und eines Tages sagte sie mir: „Hey, du solltest Instruktorin werden.“

Terry wurde nach meiner BODYCOMBAT Ausbildung zu meinem Mentor und er kümmerte sich wirklich sehr um meine Entwicklung. Er hatte eine so starke Arbeitsmoral und er war immer total ehrlich zu mir. Ich habe damals mein erstes Assessment-Video eigentlich nicht bestanden. Als ich dann drauf und dran war, das Video in einer Class erneut zu filmen, war Terry da, und er sagte zu mir: „Ich sag dir die Wahrheit. Du warst scheiße.“ Und ich dachte nur: „Oh wow!“ Aber das hat mich nicht davon abgehalten weiterzumachen. Ich beschloss einfach hart zu arbeiten und immer besser und besser zu werden.

Ich habe gehört, dass du uns etwas über ein Mädchen erzählen kannst, für das du ein Idol bist…

Ja!

Samstags unterrichte ich zwei Classes hintereinander und irgendwann bemerkte ich ein kleines Mädchen mit ihrem Vater, das mir immer beim Unterrichten zusah, bevor er sie in den KidsClub brachte. Ich sah sie jede Woche und sie beobachtete mich jedes Mal etwa 10 Minuten lang. Eines Morgens wartete ich dann dort auf meine Class und unterhielt mich mit einigen Mitgliedern, während im Studio eine Zumba-Class stattfand. Plötzlich hörte ich die Stimme eines kleinen Mädchens sagen: „Oh, sie ist nicht da, sie ist nicht da!“. Und ich sah sie und sagte: „Hey, hier bin ich, ich bin hier.“

Sie lief direkt auf mich zu und sagte: „Ich bin Cora Lynn und ich bin vier.“ Ich machte an diesem Morgen ein Foto von uns beiden und postete es in meinen Social-Media-Kanälen und die Reaktion, die ich erhielt, war überwältigend. Ich hätte nicht gedacht, dass es so eine große Sache ist, aber ich erhielt daraufhin echt viele Nachrichten. Eine Person schickte mir eine persönliche Nachricht und sagte: „Ich habe das Bild gesehen und habe geweint, weil man so selten Schwarze Frauen als Vorbilder in der Fitnessbranche sieht.“

Seitdem winken wir uns immer zu und ich sage jedes Mal „Hi Cora Lynn“, sogar, wenn ich mitten in einer Class am Unterrichten bin.

Ich glaube, Erwachsene reagieren genauso wie Cora Lynn, wenn sie jemanden sehen, der aussieht wie sie und etwas macht, wonach sie streben. Das gilt nicht nur für das Aussehen verschiedener Nationalitäten, sondern auch für Körpertypen. Schon seit langer Zeit werden in der Fitnessbranche Menschen aus der Gesellschaft ausgeschlossen, die nicht den Schönheitsidealen entsprechen oder die gesellschaftlichen Standards erfüllen. In einer Branche, die lange Zeit nur einen Look hatte ist es erfrischend, jemanden zu sehen, der anders aussieht. Es ist definitiv inspirierend, Presenter wie Lula [Slaughter], Dennis [Toppin] und Marlon [Woods] in den Masterclasses meiner Programme zu sehen. Dann kommt meine innere Cora Lynn hervor und ich denke nur YESSSSSSSSSSSS!!! Das ist ein Zeichen dafür, dass sich die Dinge ändern.

I remember when Marlon was first on BODYCOMBAT Masterclass and someone commented on social media, “Oh my God, someone who looks like me!”. It seemed a shame that here we were in 2016 and people were still amazed to see a black man on Masterclass.

LES MILLS hat sich zu sieben Aktionen rund um das Thema Black Lives Matter verpflichtet, insbesondere zu einer größeren Vielfalt an Personen und Nationalitäten in visuellen Marketingmaterialen und in der Präsenz von Presentern bei Masterclasses. Was denkst du darüber, wie Schwarze Menschen und People of Color (PoC) in der Vergangenheit repräsentiert wurden?

Mir ist immer mal wieder aufgefallen, dass es in Masterclasses und in Marketingmaterialien nicht viele Leute gab, die aussahen wie ich. Aber das ist ein Standard, an den ich gewöhnt bin. Ich bin mir bewusst, dass das für mich normal geworden ist und ich es akzeptiert habe, dass die Fitnessbranche einen bestimmten ‚Look" verfolgt. Das ist Nichts, was mich Tag und Nacht beschäftigt. Das Ding ist eher, dass mir zum Beispiel auffällt, dass keine Schwarze Person im Masterclass-Filming auftaucht oder dass ein und dieselbe Schwarze Person immer wieder vorkommt.

Ich erinnere mich daran, als Marlon das erste Mal bei einer BODYCOMBAT Masterclass dabei war und jemand in den sozialen Medien kommentierte: „Oh mein Gott, jemand, der aussieht, wie ich!“ Als ich diesen Kommentar sah, war ich ein bisschen enttäuscht von LES MILLS. Für mich war es eine Schande, dass das im Jahr 2016 war und Menschen immer noch erstaunt waren, einen Schwarzen Menschen bei einem Masterclass-Filming zu sehen.

In einem Studio, in dem ich unterrichte, haben wir zwei LES MILLS Poster hängen und beide zeigen Bilder von blondhaarigen, blauäugigen weißen Frauen. Das Marketingmaterial scheint einfach mit dem übereinzustimmen, was schon immer der Standard war.

Es gibt Zeiten, in denen ich mir die LES MILLS Werte wieder vor Augen geführt habe und der Wert Change the world ist mir immer unklar gewesen. Das Unternehmen beschäftigt Presenter aus aller Welt und von jedem Kontinent und dennoch gelang es bisher nicht, Menschen zu präsentieren, die aussehen wie ich. Als eine Person, die aus Ghana in Westafrika kommt, wäre es großartig eine große Community in diesem Teil der Welt aufzubauen.

Also ja. Es fühlt sich nicht wirklich so an, als würden wir dem Wert Change the world gerecht werden, wenn ein so großer Teil der Menschen auf dieser Welt ausgegrenzt wird. Natürlich möchte ich einbezogen werden. Ich möchte zeigen, dass auch Schwarze Menschen Teil der Fitnessbranche sind. Wenn immer nur ein bestimmter Menschentyp als Standard gezeigt wird ist das ein bisschen enttäuschend. Repräsentation ist wichtig. Ich habe zum Beispiel einen eher dickeren Körper, breite Hüften und einen größeren Hintern. Als ich mich selbst für die BODYCOMBAT UNITED Release gefilmt habe, dachte ich nur: „Oh mein Gott, sie werden mich rausschneiden!“ Mein Hintern ist viel zu groß. Ich entspreche nicht den Standards. Ich bin zwar eine kleine Person, aber ich sehe nicht wirklich schlank oder mager aus wie ein typisches Fitness-Model, das man bei Masterclasses oder allgemein in der Fitnessbranche zu sehen bekommt.

The stereotype of black women is that we're not approachable, or that we have an “attitude”.

Es gab ein bisschen Gegenwind auf den Social-Media-Kanälen von LES MILLS bezüglich des Schrittes, mehr Schwarze Menschen und People of Color als Presenter bei Masterclass-Filmings einzusetzen. Einige Menschen bezeichnen das als „umgekehrten Rassismus“. Was sagst du dazu?

Irgendwo müssen wir anfangen. Wenn man das Gefühl hat, dass Menschen in der Vergangenheit ausgeschlossen wurden und das nur aus dem Grund, weil „unser System eben so funktioniert“, müssen wir genau da anfangen und alles in Bewegung setzen, um diese Menschen in unsere Gesellschaft einzuschließen, um eben dieses Gefühl durch ein Gefühl der Zugehörigkeit zu ersetzen. Irgendwann werden sich die Dinge ebnen und es wird sich eine bessere Balance etablieren.

Ich möchte einfach, dass die Menschen sehen, dass es da draußen auch andere Menschen gibt, die so aussehen wie sie. Gebt Menschen die Möglichkeit, das wahrzunehmen. Es ist ja nicht so, dass es noch nie Schwarze Instruktoren oder Schwarze Presenter gegeben hätte, aber es ist einfach so, dass sie nicht wirklich eingesetzt werden. Ich unterrichte jetzt schon eine lange Zeit und ich würde sagen, dass ich die Anzahl der Schwarzen Presenter, die ich in Masterclass-Filmings in beliebten Programmen wie BODYPUMP und BODYCOMBAT gesehen habe, an einer Hand abzählen könnte.

Ich finde es toll, dass LES MILLS endlich aktiv wird und bereit ist, sich als Unternehmen weiterzubilden und die Erkenntnisse mit Instruktoren und den Führungsteams zu teilen. Ich denke, das ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber genau jetzt dürfen wir die Diskussion nicht abflachen lassen, denn jetzt zeichnet sich endlich eine Veränderung ab.

Hast du während deiner Laufbahn Rassismus am eigenen Leib erfahren?

Ja, durch implizite Vorurteile und einige seltsame Bemerkungen. Manchmal interagieren die Leute nicht gerne mit mir, weil ich sie irgendwie einschüchtere. Wenn sie mich erst einmal kennenlernen, sind sie meistens überrascht, wie offen ich bin. Sie sagen: „Oh, du bist ja so nett.“ Und das ist das Klischee der Schwarzen Frauen – dass wir nicht nahbar oder eingebildet und arrogant sind.

Ich erinnere mich, dass es eine Menge Diskussionen über Vielfalt und Diversität auf der Facebook-Seite gab, als ich in das Trainer- und Presenter-Team in den USA aufgenommen wurde. Die Leute stellten Fragen wie: „Werden die Instruktoren aus den richtigen Gründen ausgewählt? Werden die qualifiziertesten Instruktoren ausgewählt?“ Das war ungefähr zu der Zeit, als ich ins Team kam und das hat mich echt beschäftigt. Ich wollte nicht, dass irgendjemand denkt, dass ich nur wegen meiner Hautfarbe ausgewählt wurde.

Ein oder zwei Monate später hatte ich ein Gespräch mit jemandem aus dem Trainer-Team, und ich erzählte, wie nervös ich wegen der Erwartungen war, die vom Team an mich gestellt wurden und diese Person sagte zu mir: „Nun, weißt du, du wirst die Erwartungen schon erfüllen, du bist halt Schwarz.“

Diese Bemerkung hat mir das Ganze völlig verdorben. Dieser Mensch hat mit seiner Aussage einfach alles ruiniert. Obwohl ich wusste, dass ich gut war, hallte dieser Kommentar in meinem Kopf nach, bis ich bei meinem ersten Event auf der Bühne stand. Es saß wie eine unsichtbare Last auf meinen Schultern und ich habe mir selbst so viel Druck gemacht, weil ich nicht wollte, dass jemand denkt ich sei nur ins Team gekommen, weil ich Schwarz bin. Ich wollte, dass sie wissen, dass ich eine großartige Instruktorin bin. Zum Glück habe ich nach diesem Event großartiges Feedback erhalten, was mich ein wenig beruhigt hat.

Aber das war immer mit Abstand meine größte Sorge und mein größter limitierender Glaubenssatz. Ich habe mir immer Gedanken darüber gemacht, ob meine Teamkollegen oder sogar die globale Instruktoren-Community der Meinung sind, dass ich den Platz im Team verdiene.

Wenn das dein limitierender Glaubenssatz ist, kannst du mit uns auch dein „WARUM“ teilen?

Ich habe so viele Jahre lang an mir selbst gezweifelt und gedacht: „Oh man, ich bin nicht so gut wie eine andere Person.“ So lange habe ich mit dem Gefühl der Unsicherheit unterrichtet, die mein ständiger Begleiter war. Aber da war diese eine Teilnehmerin, die jetzt der Grund dafür ist, dass ich so unterrichte, wie ich unterrichte. Sie ist meine Lieblings-Teilnehmerin und einfach eine großartige Person. Ihr Name ist Alina.

Vor Jahren war Alina eine regelmäßige Teilnehmerin. Sie kam schon zu BODYCOMBAT, als wir noch die typischen Hosen und Boxhandschuhe während der Classes trugen und auch sie war voll ausgestattet und hatte ihren Lieblingsplatz in den vorderen Reihen. Sie kam jede Woche, aber dann tauchte sie plötzlich nicht mehr auf. Ich habe dann herausgefunden, dass sie an Gebärmutterhalskrebs erkrankt war.

An einem Sonntag, als ich mich für meine Classes fertig machte, sah ich sie zufällig in der Umkleidekabine des Studios. Sie wickelte ihren Kopf ein und ich sagte: „Oh, da bist du ja!“

Sie sagte: „Nichola. Ich habe mich heute so gut gefühlt und wollte deinen Kurs nicht verpassen.“

Ich erinnere mich so deutlich an diesen Moment, weil mir klar wurde, dass es nicht um mich geht. Es geht nicht darum, wie gut ich unterrichte. Sie schaffte es nicht regelmäßig in meine Kurse zu kommen, aber an diesem Tag fühlte sie sich gut, also gab ich alles, um ihr ein großartiges Kurserlebnis zu bieten.

Leider verstarb sie ein Jahr danach. Aber jetzt erinnere ich mich immer an Alina und daran, dass jeder Mensch sein eigenes Päckchen zu tragen hat und Einiges durchmacht und trotzdem nehmen sie sich die Zeit, in meine Class zu kommen.

Möchtest du mit uns teilen, wie du dich motivierst, wenn dir das Unterrichten mal schwer fällt? Denn wenn wir ehrlich sind, haben wir alle solche Tage!

Es gibt Tage, an denen ich keine Lust habe zu unterrichten und ich erinnere mich, dass ich einmal vor meiner Class im Auto einen kleinen mentalen Wutanfall hatte. Meine Gedanken drehten sich nur darum: „Ich will nicht unterrichten, ich will nicht unterrichten, ich will nicht unterrichten!“ Aber dann dachte ich einfach nur an den Moment, als ich in die Umkleidekabine kam und Alina sagte: „Ich habe mich heute so gut gefühlt.“ Ich erinnerte mich daran, dass sich vielleicht auch jemand anderes heute gut fühlt oder sich gut fühlen möchte und dass die Class für diese Person wichtig ist. Es ist also an mir, dass ich meinen Teil dazu beitrage, im Kursraum auftauche und dafür Sorge trage, mein Bestes zu geben und die Class zu einem tollen Erlebnis zu machen.

Als Instruktorin habe ich eine so große Verantwortung, denn ich kann das Leben so vieler Menschen beeinflussen. Auf meinem bisherigen Weg habe ich festgestellt, dass die meisten unserer Mitglieder nicht für Sixpacks oder das Erreichen der ultimativen Bikini-Figur in die Classes kommen. Manchmal sind sie einfach nur da, um für kurze Zeit mental ihrem Alltag zu entfliehen und nur an eines zu denken: den nächsten Move. Unsere Aufgabe als Instruktoren ist es, ihnen diese Flucht zu ermöglichen und ihnen in dieser kurzen Zeit ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und ihre Stimmung positiv zu beeinflussen. Nur indem ich in jeder Class mein Bestes gebe kann ich meinen Teilnehmern den verdienten Respekt dafür entgegenbringen, dass sie sich die Zeit nehmen, in meine Class zu kommen. Meine Mission ist es und war es immer, Glück und Freude durch Fitness zu verbreiten.

Nichola Smiles ist BODYCOMBAT and LES MILLS GRIT Presenter und Instruktorin für´BODYPUMP und CXWORX. Sie lebt in Houston, Texas, wo sie als Ingeneurin arbeitet. Folge ihr auf Instagram unter @fittersmiles.